Artikel aus den Rathaus-Nachrichten......
Artikel vom: 04/27/2005

Historische Dokumente von St. Stephanus im Stadtarchiv deponiert
 
 
 
Trocken und sicher: Fundgrube der Stadtgeschichte
wieder “zu Hause” in Meerbusch

Das älteste Dokument im Stadtarchiv stammt ab sofort nicht mehr aus der Preußenzeit, sondern aus dem Jahr 1710. Die Rede ist vom Personenstandsregister der Pfarre St. Stephanus. Das dicke, in hellbraunes Schweinsleder eingebundene Buch ist zusammen mit dem gesamten Archivmaterial der Lank-Latumer Kirchengemeinde in die Obhut von Stadtarchivar Michael Regenbrecht (Foto links) übergegangen. Ein sogenannter Depositalvertrag zwischen der Stadt Meerbusch und der Pfarre St. Stephanus, “abgesegnet” vom Bistum Aachen, besiegelte das Abkommen. Bei exakt eingestellter Luftfeuchtigkeit und Temperatur lagern die wertvollen Schriftstücke nun sicher verschlossen an der Karl-Borromäus-Straße in Büderich. Nur eine schriftliche Nutzungserlaubnis der Pfarrgemeinde ermöglicht Interessenten die Einsicht.

“Als die Regionalstelle in Krefeld, wo die Akten bisher untergebracht waren, aufgelöst wurde, standen wir vor der Alternative, unsere gesamten Dokumente dem Bistumsarchiv in Aachen zu überlassen”, erklärt der Lank-Latumer Pfarrer Willi Dapper (Foto rechts). “Das aber wäre eine schlechte, weil sehr weit entfernte Lösung gewesen.” Da kam das Angebot von Stadtarchivar Michael Regenbrecht gerade recht. “Die Pfarrarchive bergen wahre Schätze”, so Stadtarchivar Regenbrecht. Durch die akribischen Aufzeichnungen der Pfarrer oder auch Küster seien der Nachwelt wichtige Aussagen über das Kirchliche Leben, aber auch über Alltagsgeschehen, Vereine oder das Schulwesen in früheren Jahrhunderten überliefert worden. “Deshalb ist die Übernahme für die Stadt und die lokale Forschung ein großer Gewinn.” Für andere Pfarrgemeinden, die es den Lankern nachtun wollen, ist der Historiker jederzeit gesprächsbereit.

Neben den Tauf-, Trau- und Sterbebüchern sind auch Alltagsereignisse dokumentiert – so etwa die Verhandlungen des Lanker Pfarrers Gonella mit der Belgischen Besatzungsmacht im Jahr 1919 oder eine Begebenheit um den Seelsorger Joseph Kocks, dem kurz nach Amtsübernahme im Frühjahr 1889 offenbar ein allzu leichtfertiger Lebensstil vorgeworfen worden war. In einer archivierten Notiz des Kirchenvorstands heißt es dazu: “Die Anklage wegen Unpünktlichkeit des Gottesdienstes und Besuches des Wirtschaftshauses gegen unseren hochwürdigen Herrn Pfarrer ist eine nichtswürdige Anklage und eine abscheuliche Verleumdung, welche wir dem genannten Herrn nach Pflicht und Gewissen bescheinigen können.”

Mit dem Übergang ins Stadtarchiv geht für die Lanker Dokumentensammlung eine Odysse zu Ende. Vor allem im Keller des alten Pastorats an der heutigen Pfarrstraße setzte der Zahn der Zeit den Papieren zu. Bei einem Luftangriff 1944 wurden einige Bücher sogar von Granatsplittern durchbohrt. Nach Abriss des Pastorats 1970 wanderten die Unterlagen zunächst in einen Schrank, dann in den Keller der Sakristei, bevor sich Mitte der Neunziger Jahre der Lanker Addo Winkels der Unterlagen annahm, sie reinigte, ordnete und in säurefreie Kartons verpackte. Aus Platzmangel entschied sich die Pfarre schließlich, das Archiv nach Krefeld auszulagern. Jetzt ist Pfarrer Dapper froh, die Dokumente wieder in Meerbusch zu wissen. “Hier sind sie bestens aufgehoben.”